Die ersten
Weltenbaumeister
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Die englische
Literatur ist reich an frühen Vorbildern für die Fantasy. Sie reichen von der
Beowulf-Sage, Malorys König Artus, dem Utopia des Thomas Morus bis hin zu
Jonathan Swifts Gullivers Reisen. Von der Erfindung eigener Welten kann
man erst bei Mogus und Swift sprechen, doch zeigt diese Aufzählung, daß jedes
englische Schulkind nach den Mythenwelten der Sagen in der eigenen nationalen
Literatur schon bald auf imaginäre Welten trifft, die zunächst philosophischen
und satirischen Zwecken der Autoren dienten.
Den Anfang dieses
Kapitels über die Vorläufer der Fantasy bildet Jonathan Swift, nicht weil
Swift als erster, mit Gullivers Reisen, Reisen in fiktive Länder
beschrieben hätte, sondern weil seine imaginären Welten zu denen gehören, die
wahrscheinlich jeder diesen Autoren schon als Kind kennengelernt hat. Ein
anderer wichtiger Vorläufer der Fantasy ist William Bechfords Vathek (1786),
der das seltsame Schicksal des gleichnamigen Kalifen im Stil von
Tausendundeinenacht als phantastisches Abenteuer schildert. Ein anderer
phantastischer orientalische Roman ist The Shaving of Shagpat (1855).
Diese Bücher dürften für viele spätere Autoren eine Anregung gewesen sein,
doch haben ihre Autoren keine eigenen Welten erfunden, sondern sich an die
orientalische Tradition von Tausendundeinenacht angelehnt.
Der
erste echte Konstrukteur völlig neuer Welten war Lewis Carroll mit seinem Alice
im Wunderland - einem Wunderland, wie es wohl nur ein Oxford-Professor für
Mathematik erfinden konnte, der unter Pseudonym Kinderbücher schrieb. Carrolls
Wunderland (das seit 1865 ständig irgendwo im Druck gewesen sein dürfte)
stellte eine völlig in sich geschlossene Welt mit furchtbar verdrehten
Naturgesetzen dar. Es ist keine Welt der mythischen Abenteuer, aber eine, die
zur Erfindung künstlicher "Wirklichkeiten" äußerst anregend wirkt.
Auch sie dürfte neben Lilliput jedem englischsprachigen Autor schon als
Kind begegnet sein. Zudem begründete Carroll offenbar eine Art Tradition unter
Oxford-Professoren, imaginäre Welten zu entwerfen, die hundert Jahre später
mit Tolkiens Herr der Ringe ihren vorläufigen Höhepunkt fand.
Eine
weitere wichtige Quelle für Fantasy-Autoren, insbesondere auch für den
Begründer dieser Literaturrichtung, William Morris, ist das englische Märchen
mit seinen Geschichten von der Welt der Elfen. Eine fremde Welt des Zaubers und
der Magie neben unserer spielt in den Kunstmärchen und Romanen des Schotten
Georg MacDonald eine entscheidende Rolle, der in seinen Werken bereits deutlich
die Sehnsucht nach einer mythischen, vorindustriellen Welt ausdrückt. Er war
kein Erfinder neuer Welten, aber ein Erfinder neuer Mythen, und diese Tradition
haben viele Fantasy-Autoren fortgesetzt.
Der
eigentliche "Erfinder" der Fantasy aber dürfte William Morris (1834 -
1896) gewesen sein, der zum ersten Mal eine vollständige fiktive
mittelalterliche Welt mit eigener Geographie und Überlieferungen für die
romantischen Abenteuerfahrten seiner Helden schuf. Er legte mit seiner
Begeisterung für die nordische Mythologie auch gleich die Hauptquellen an
mythologischen Material fest, aus dem sich die nach ihm folgende Generation von
Fantasy-Autoren bediente.
Swift,
Carroll, MacDonald und Morris, denen dieses Kapitel gewidmet ist, geben einen
Eindruck von dem Fundament, auf dem die nach ihnen Kommenden klassischen
Fantasy-Autoren gebaut sind. Quelle:
"Das große Buch der Fantasy", erschienen im Bastei-Lübbe Verlag, Hrgb.: Michael
Görden, mit freundlicher Genehmigung
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