

Albträume
Bernd Rothe
Thomas wälzte sich unruhig in seinem Bett hin und her, er war noch im Halbschlaf. Eine unangenehme feuchte Kälte umgab ihn und seine Hände suchten die Bettdecke. Sie musste vom Bett gerutscht sein, denn seine tastenden Hände konnten sie nicht finden.
Plötzlich stutzte er und war mit einem Schlag hellwach, was er unter sich fühlte war nicht sein Bett, es war … kalte feuchte Erde.
Voller Panik suchten seine Hände weiter, aber es änderte sich nichts. Inzwischen schien die feuchte Kälte schon in seinen Körper gekrochen zu sein. Ruckartig wollte er sich aufrichten, als sein Kopf auch schon gegen ein hartes Hindernis stieß. Nur noch ein Stöhnen kam über seine Lippen als er wieder zurück sank.
Seine Hand tastete zum Kopf und er fühlte eine warme Feuchtigkeit unter seinen Fingern. Langsam stieg Panik in ihm hoch. Mit den Händen tastete er vorsichtig um sich. Rechts und Links konnte er, wenn er die Arme ausstreckte, kühles, feuchtes Mauerwerk fühlen, direkt hinter seinem Kopf genau das gleiche. Seine Kehle war wie zugeschnürt, Angst schien langsam seinen Körper zu beherrschen. Sein Körper zitterte und er musste sich gewaltsam zusammen reißen um nicht vollkommen durchzudrehen.
Was geschah mit ihm?
Langsam und vorsichtig streckte er die Arme nach oben aus, mit ausgestreckten Armen konnten seine Hände die Decke fühlen, feucht und kalt.
Er versuchte ruhig durchzuatmen, sich zur Ruhe zu zwingen, denn … das konnte einfach nicht sein, was war mit ihm los?
Vorsichtig streckte er seine Beine nach unten aus, rutschte etwas nach unten … und fühlte eine kühle feuchte Wand.
Er holte tief Luft, sie roch vermodert.
Nun konnte er sich nicht mehr kontrollieren und ein unmenschlicher Schrei kam über seine Lippen.
Und er schrie, schrie, schrie.
»Thomas, was ist mit dir?« vernahm er den Ruf seiner Mutter wie durch eine Nebelwand.
Er lag schweißüberströmt in seinem Bett. Morgenlicht drang durch die zugezogenen Gardinen. Ruckartig setzte er sich auf, ihm schwindelte und sein Kopf dröhnte. Er setzte sich auf die Bettkante stützte seinen Kopf in beide Hände und rief dann, aber es war mehr ein erschöpftes, lautes Sprechen.
„Alles in Ordnung, Mutter, ich habe schlecht geträumt!«
»Dann mach dich fertig und komme herunter, das Frühstück ist fertig.«
Nach einiger Zeit stand Thomas auf und ging zum Bad. Sein Traum ging ihm immer noch durch den Kopf, so realistisch hatte er noch nie geträumt, obwohl … in der letzten Zeit häuften sich die Albträume.
***
Nachdenklich stand er am Fenster seiner Bibliothek und schaute in das abendliche Dämmerlicht. Er war sich nicht sicher, ob er wie bisher weiter machen oder vollkommen neue Wege gehen sollte.
Seine Schritte führten ihn in die Leseecke, er setzte sich in den Sessel und griff in Gedanken versunken nach einem Buch. Nein - sein Entschluss stand fest - er würde den anderen Weg beschreiten: Keine Ängste mehr - und endlich ruhigen Schlaf. Schwungvoll legte er das Buch auf den Tisch zurück, stand wieder auf und trat zurück an das Fenster. Die Dämmerung brach endgültig herein. Sein Blick nahm das Naturschauspiel des Sonnenuntergangs abwesend wahr, gedanklich war er weit weg, denn wie schon so oft eilten ihm die Gedanken voraus.
Er musste lange so gestanden haben, denn es war inzwischen dunkel geworden und angenehme Kühle drang durch das offene Fenster herein.
Angenehme?
Plötzlich lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken und seine Nackenhaare richteten sich auf. Langsam und ängstlich drehte er sich um.
Er war immer noch allein im Raum, aber wieso wurde ihm so eigenartig kalt? Fröstelnd wollte er sich wieder zum Fenster drehen um es zu schließen, als er erstarrte...
Nebelschwaden drangen unter dem Bücherregal hervor. Er war nicht in der Lage sich zu bewegen, sein Blick hing wie gebannt an den Schwaden, die sich immer mehr verdichteten. Das Gefühl der Kälte hatte inzwischen seinen ganzen Körper erfasst.
Die Nebelschwaden breiteten sich aus und er konnte das dahinter stehende Regal kaum noch erkennen.
Wie gebannt richtete sich sein Blick auf die Stelle, an der eine undeutliche Gestalt immer mehr Kontur annahm. Gehüllt in eine bodenlanger Kutte, die hochgezogene Kapuze weit in die Stirn gezogen, stand sie vor ihm, ohne dass er ihr Gesicht erkennen konnte. Nur Dunkelheit, aus der ihn zwei durchdringende Augen anstarrten. Unheimliche Kälte ging von ihr aus.
Und dann vernahm er die Stimme. Nein, nicht im Raum, er vernahm die gefühllose, spöttische Stimme in seinem Kopf.
»So - du hast dich also entschlossen. Du willst dich von mir lossagen!«
Ein schauriges Lachen hallte in seinem Kopf. Das Dröhnen war so stark, dass er glaubte der Kopf würde ihm platzen.
»Du Narr, glaubst du wirklich du kannst dich so einfach von mir lossagen? Du gehörst mir, du bist mein Sklave!«
Die Worte dröhnten wie Hammerschläge in seinem Kopf. Seine Hände fuhren an seine Ohren und pressten sich darauf. Aber es half nichts, das Dröhnen wurde immer stärker. Stöhnend sank er in die Knie. Immer noch beide Hände fest auf die Ohren gepresst.
Den Blick zu Boden gerichtet bleib er knien.
»Schau mich an, du Wurm!« dröhnte es erneut in seinem Schädel.
Mühsam hob er den Kopf und schaute an der Gestalt empor, in eine undurchdringbare Schwärze, aus der die kalt glühenden Augen auf ihn herabblickten.
»Schau mir in die Augen, du Wicht!«
Er konnte den Blick nicht abwenden und hatte das Gefühl von diesen Augen angezogen - nein, aufgesogen - zu werden. Ihm war es, als ob sein Körper schwerelos würde. Mit einem letzten verzweifelten Aufbäumen versuchte er seinen eigenen Willen durchzusetzen, aber es war zu spät. In seinem Kopf hämmerte ein derartiger Schmerz, dass er das Gefühl hat sich aufzulösen. Und er spürte wie er in die undurchdringliche Schwärze hineingezogen wurde.
***
Langsam kam Thomas wieder zu sich, er lag auf weichem Boden und Nebel wallte um ihn.
Er richtete sich langsam auf als er, nicht weit entfernt, ein Heulen vernahm. Wölfe, schoss es ihm durch den Kopf.
Vorsichtig ließ er seinen Blick schweifen, aber er sah nur Nebelschwaden, da er tönte das Heulen wieder, schon viel näher oder täuschte ihn der Nebel.
So schnell es bei dieser Nebelsuppe möglich war, eilte er auf ein paar Bäume zu, deren Umrisse er im Nebel erkennen konnte. Immer wieder schaute er sich um.
Das Licht des Vollmondes ließ alles unwirklich und geisterhaft erscheinen.
Da … war da nicht ein Schatten?
Und da ... nicht noch einer?
Er korrigierte leicht die Richtung von den Schatten weg und eilte weiter.
Auf einmal konnte er nicht weit entfernt die Umrisse eines Gebäudes wahrnehmen und er lief auf das Gebäude zu. Aber die Wölfe schienen das vereiteln zu wollen, er konnte jetzt ihre Schatten um sich herum im Nebel erkennen. Ihr Hecheln und dumpfes Knurren erklang nun fast neben ihm. Soweit es die Sicht zuließ schaute er sich nach einer Waffe um, ein kräftiger Knüppel würde in ungemein beruhigen, obwohl ihm klar war das auch ein solcher ihm nicht viel helfen würde.
Er stellte sich schon darauf ein gegen das Rudel kämpfen zu müssen, der Wolfsschatten der ihm am nächsten war schien sich zum Sprung zu ducken, als ein Ruf ertönte.
Und sogleich waren die Wölfe aus seinem Sichtfeld verschwunden. Halb neugierig, halb furchtsam sah er sich um und er erkannte eine Gestalt die aus Richtung Haus auf ihm zukam.
Er eilte ihr entgegen, froh ein menschliches Wesen gefunden zu haben.
Es war eine Frau mit dunklem langen Haar und einem weißen Kleid. Sie lächelte ihm zu und winkte ihm näher zu kommen.
Als er sie erreicht hatte, nahm sie ihn bei der Hand und fragte mit einer dunklen, wohltönenden Stimme „Haben dich meine Lieblinge erschreckt? Armer Fremder, wie kann ich das nur wieder gutmachen.“
Verheißungsvoll lächelte sie ihn an und zog ihn mit zum Haus.
Mit keinem Gedanken dachte er daran wegzulaufen, erwiderte ihr Lächeln und folgte ihr.
Sie betraten einen großräumigen Eingangsbereich. Gegenüber führte eine breite Treppe in das Obergeschoß.
Sie strebte der Treppe entgegen und sie stiegen in das Obergeschoss. Hier ging ein Flur in die Tiefe des Gebäudes, an beiden Seiten reihten sich Türen, der Flur war schwach beleuchtet.
»Dort hinten ist das Badezimmer, mach dich frisch … und komme zu mir.« Mit diesen fast geflüsterten Worten deutete sie auf die Tür am Ende des Flures und ging, nein sie schwebte, in ein anderes Zimmer, dessen Tür sie offen ließ.
Thomas eilte in das Badezimmer und war überrascht, er hatte nicht erwartet hier eine Badewanne und Dusche vorzufinden. Sogar Gästehandtücher lagen bereit. Er lächelte, aber woher hatte sie wissen können das er kommt, auch ein Bademantel hing am Haken.
Schnell hatte er geduscht, den Bademantel übergezogen und eilte zum Zimmer.
Als er es betrat stockte ihm fast der Atem, die Unbekannte saß auf einem großen Bett und hatte ihre Kleidung bereits abgelegt. Sie hob die rechte Hand und winkte ihn zu sich.
Wie in Trance ließ Thomas den Bademantel zu Boden gleiten und ging zu ihr.
***
Sonnenstrahlen fielen ihm ins Gesicht und ließen ihn blinzelnd die Augen öffnen. Er streifte das Bettlaken zur Seite und erstarrte. Das Laken zerfiel fast unter seinem Griff, er lag auf einer vollkommen vermoderten und stinkenden Matratze.
Er sprang aus dem Bett, dabei sah er, dass im Zimmer die Tapeten in Fetzen von den Wänden hingen und ein vermoderter Geruch im Raum schwebte und sein Blick fiel auf das Bett. Auf der linken Seite lag eine schon sehr verweste weiblich Tote und ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht.
Thomas spürte wie sich sein Mageninhalt selbstständig zu machen drohte, er drehte sich um lief durch den Flur zur Treppe, fiel bald die Treppe herunter und es war ihm, als ob der Dämon hämisch lachte. Er stürzte durch die Tür nach draußen, im Blickwinkel gewahrte er noch, dass das Haus eine Ruine war, die Fenster hingen schief in den Angeln, Scheiben waren zerbrochen und alles von Efeu überwuchert. So schnell er konnte lief er durch den verwilderten Vorgarten, nicht darauf achtend, das er nichts am Leibe hatte, er wollte nur so schnell wie möglich weg.
Dabei übersah er eine Wurzel, kam ins Stolpern und stürzte schwer zu Boden.
***
Thomas kam benommen zu sich, er lag vor den Bücherregalen auf den Boden. Taumelnd erhob er sich, eilte zur Toilette und übergab sich bis nur noch Galle hochkam. Keuchend lehnte er sich zurück und hatte das Gefühl nie wieder etwas essen zu können.
Ihm war klar, er musste gegen den Dämon ankämpfen, nur wie er es machen sollte da hatte er noch keine Idee.
Aber ihm würde was einfallen, da war er sich sicher.(c) by Bernd Rothe
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Der Brief
Michael Preissl

Weit abgelegen vom großstädtlichen Treiben, frei von Lärm und Menschengeschwängerten Straßen, breitet sich die Stadt Beywood in einem bezaubernden Tal aus. Durch das dichte Geäst des umgebenden Waldes, der diesen Fleck Erde schützend umhüllt, ist buntes Vogelgeschnatter zu vernehmen.
Bis es einem Möglich wird, aus der Ferne die ersten, in den Himmel rankenden Giebel der Bauwerke zu erspähen, muss man die einzig unbeschriftete Abfahrt der Bundestrasse B131 einschlagen. Eigentlich ein Weg, den man für gewöhnlich nicht einschlagen würde, dennoch verschlägt es ab und an Leute dorthin, teilweise Reisende, die sich verfahren haben, andere schlagen diesen Weg mit fester Absicht ein. Thomas zählt zu den Zweiteren. Kilometerlang verfolgt er eine menschenleere Straße bis zum Stadtrand. Dort stößt er an die ersten Grundmauern, parkt seinen Wagen an der nächsten freien Stelle, zwischen knorrigen Trauerweiden, deren dichtes Kleid benahe bis auf den spröden Beton reicht. Sein Fußweg führt ihn vorbei an geduckte Gebäude, die unbewohnt zu sein scheinen. Er eilt durch unzählige dunkle Gässlein und Sträßlein, in denen die vorstehenden Dächer der verlassenen Gemäuer dem Herhabfallenden Licht die Kraft stielt.
Für den Reisenden scheint dieser Anblick keine Rolle zu spielen, denn er lässt sich nicht aufhalten. Ein Windhauch zischt an ihm vorbei, er spielt mit herumliegenden Fetzen Unrat, und nach seinem Spiel verschwindet er heulend zwischen den maroden Gemäuern. Thomas hält inne, indes er der bedrohlich wirkenden Totenstille lauscht, die sich wie ein Leichentuch über diese Stadt ausgebreitet hat. Plötzlich wird dieses Szenario unterbrochen. Er vernimmt einige gespenstische Geräusche, doch nach einigen suchenden Blicken, gelingt es ihm, die Quelle anderen Menschen zuzuordnen. Sie lugen neugierig hinter den Ecken ihrer Häuser hervor, dass Weiß ihrer Augen blitzt aus der schützenden Dunkelheit, es hat ihren Standort verraten.
Ihre stechenden Blicke bohren sich mit erschüttender Leichtigkeit in den hilflosen Körper des Reisenden, der ihre Blicke fragend erwidert. Die Quelle des neugierigen Blickes löst seinen Griff von der Gebäudeecke, um mit seinen knochigen Fingern ein Zeichen geben zu können. Thomas begibt sich weiter auf seinen Weg. In diesen Moment muss er sich eingestehen, dass ihn seit seiner Ankunft ein Unwohlsein plagt, welches sich nun anfühlt, als hätten die stechenden Blicke es materialisiert, und in ein bösartiges Geschwür verwandelt.
War nun der Moment für ihn gekommen umzukehren? Nein, dieses scheußliche Gefühl lässt sich mit äußerster Bemühung unterdrücken. Seine Schritte werden unkontrolliert schneller. Eine Brücke verhilft ihm zum leichten Überqueren eines Baches, er lässt sie hinter sich. Die Schritte treffen auf erdigen Waldboden. Einige Herzschläge weiter, ein Lichtkegel, der mit jeden Schritt größer wird, und in dessen Zentrum Thomas kurz zur Ruhe kommt. Auf dieser Lichtung atmet er frische Luft ein, als wäre dies die letzte Möglichkeit dazu.
Nachdem sich seine Lungenflügel einige Male mit dieser Frische voll gepumpt haben, begibt er sich tiefer in den Wald und nach nicht allzu vielen Schritten gelangt er an ein angelehntes Gußeisentor, dass ihm Zutritt zu dem dahinter liegenden Anwesen verschafft. Doch bevor er das Tor passiert, erblickt er ein, an den rostigen Gitterstäben befestigtes Schriftstück, dass lieblos in eine Klarsichthülle gesteckt wurde. Die handgeschriebenen Zeilen verraten, dass er sein Ziel erreicht, das zu verkaufende Anwesen, von dessen Existenz er einem Inserat einer Tageszeitung entnahm. Er durchquert das Tor und begibt sich direkt zum Hauseingang. Knarrend öffnet er diesen, und wagt den ersten Schritt in das düstere Innere. Es roch abgestanden und modrig. Vorsichtig tappt er in die Vorhalle und erblickt dort, zwei strahlend weiße Statuen, die von einem Potest auf ihn herabblicken. An ihnen sind die Jahre spurlos vorbeigezogen, im Gegensatz zu den Möbelstücken an denen sich ein Zentimeterdicker Staubfilm befindet. Thomas zuckt zusammen, als er eine der beiden Statuen nochmals anblickt, hat diese ihm zugeblinzelt?
Sicherlich nur Einbildung, ein mögliches Spiel des hereindringenden Lichts. Thomas lässt das Eingangstor hinter sich ins Schloss fallen, und langt in seine Jackentasche, um eine Taschenlampe hervorzuholen. Er knipst diese an. Im Schein des Lichtkegels beginnt er das Haus zu durchsuchen. Er durchschreitet die Küche, dabei bemerkt er, dass alle Fenster und Türläden zugemacht wurden.
Im oberen Geschoß stößt er auf ein Kinderzimmer, indem sich noch ein paar Pupen befinden. Im Schlafzimmer, dass sich ebenfalls im oberen Teil des Hauses befindet, liegen ebenfalls noch Dinge willkürlich verstreut herum. Es sieht aus, als hätte sie jemand in der Eile des schnellen zusammenpackens hier zurückgelassen. Alles in allen kein Grund, dieses Anwesen nicht zu kaufen.
Nach reichlichen Untersuchungen des oberen Teiles, schreitet er die Stufen hinab. Er geht vorbei an den beiden Statuen, die sich, so fühlt es sich zumindest für ihn an, jeden seiner Schritte beobachten. Rechts nach dem Stiegenabgang liegt die Küche, er geht in die linke Richtung. Vor sich eine verschlossene Doppelflügeltür. Vorsichtig öffnet er diese. Dieser Raum war das ehemalige Arbeitszimmer des Vorbesitzers. Es liegen haufenweise Zettel mit seltsamen Notizen und einige Tagebücher herum. Lauter Möglichkeiten, um den Grund für den Verkauf dieses prachtvollen Anwesens zu erfahren. Thomas lässt sich in einen abgesessenen Ohrensessel, der in einer Ecke des Raumes direkt neben einem schäbigen Bücherregal steht, fallen. Neugierig beginnt er, in einem der Tagebücher zu lesen. Nach einigen Zeilen findet er heraus, dass einer der Vorbesitzer Gustav Lindmann war, und dieses Tagesbuch von dessen Enkel Martin verfasst wurde. Es muss ein wirrer Mann gewesen sein, denn die Zeilen wurden konfus dahingekritzelt und teilweise wird darin von gespenstern und Spuk erzählt, der sich in diesen Haus befinden soll. Thomas lachte, und da! Ein Gepumper hallt beängstigend laut durch die Vorhalle. Thomas schüttelt den Kopf, die Spinnerein des Verfassers dürften auf ihn übergesprungen sein. Eifrig liest er weiter, dass pumpern, dass weiter vor der Arbeitszimmertür stattfindet, ignoriert er. Thomas hat die Hälfte des Buches erreicht, er wirft es zur Seite, und beginnt ein anderes zu lesen. Das Papier ist wesentlich älter, der Schriftstil nobel, es handelt sich um die Handschrift Gustav Lindmanns. Ein Geschäftsmann, wie Thomas nach weiteren Zeilen herausfindet. Er legt das Buch zur Seite, steht auf und zündet sich eine Zigarette an, die Taschenlampe klemmt er zwischen seine Schenkel. Nach dem ersten Zug blickt Thomas entspannt auf, und entdeckt einen Spalt, der sich zwischen Bücherregal und Mauerwerk befindet. Es leuchtet ein Umschlag hervor. Mit Zeigefinger und Daumen zieht er diesen hervor, pustet den Staub von der Oberfläche, und liest eine griechische Absender Adresse herab. Weiters geht aus diesen Schreiben hervor, dass Gustav Lindmann sich endlich von den verfluchten Statuen befreien muss, denn sonst werden diese ihm den Kopf kosten. Er liest weiter und erfährt einiges über deren Entstehung. Erschaffen wurde sie von einen Griechischen Hexer, der so die Geschichte, von seinem König betrogen wurde, und er deshalb die Statuen mit einem Fluch belegt hatte. Sie sollten das ganze Leben im Königshaus in sich aufsaugen, der Fluch erfüllte seinen Zweck. Vor der Tür des Arbeitszimmers spielt sich grauenhaftes ab. Das Gepumper wird lauter. Thomas lässt vor Schreck den Brief zu Boden fallen. Plötzlich wird die Arbeitszimmer Tür aufgetreten, und die zwei Gesichter der Statuen starren hinein, sie blecken Ihre Zähne, und nähern sich langsam. Thomas schreitet Richtung Fenster und öffnet dieses. Mit seiner Faust gelingt es ihm die Fensterläden aufzudreschen. Inzwischen hat die Dunkelheit draußen Oberhand gewonnen. Die Statuen kommen bedrohlich nah heran. Hektisch erklimmt Thomas die Fensterbank, er rutscht ab, und fliegt zu Boden. Die Statuen rauschen in ihren Schwung das Fenster hinaus, sie warn zu eilig unterwegs. Rasch drehen sie sich um, und eilen Thomas nach, der sich schon bei der Tür befindet. Er eilt durch das dunkle Vorzimmer Richtung Eingangstor, dabei fliegt ihm die Taschenlampe zu Boden, dass Licht geht aus. Der Raum erstickt in Dunkelheit. Auf allen vieren kriecht Thomas weiter. Hinter sich die Statuen, sie haben ihn erneut aufgespührt, und verlangen nun Ihr Tribut. Nicht umsonst lassen sie von den Bewohnern Beywoods ab, denn die Abmachung mit ihnen besagt, dass sie nur dann von ihnen ablassen, wenn sie regelmäßig mit Leben versorgt werden. Dieser Vertrag galt, seitdem die eine Handvoll Einwohner herausfanden, woran Gustav Lindmann und anschließend sein Enkel wirklich verstarben, als sie im Wald auf die Statuen gestoßen waren. Diese waren unterwegs in die Stadt gewesen, und der Handvoll Menschen war es gelungen, sie von ihren Treiben abzuhalten.
Mindestens einmal pro Woche kam Frischfleisch vorbei, und begutachtet das zu verkaufende Anwesen. Jeder von ihnen konnte seine Neugier nicht zurückhalten, und begab sich in dessen düsteres Inneres. Dies war das letzte was sie zu Gesicht bekommen hatten.
Thomas kämpft sich weiter voran. Wenige Meter noch, dann hat er die Tür erreicht. Er greift in seine Jackentasche und entflammt sein Feuerzeug. Er gibt einen lauten Entsetzensschrei von sich, als er im flackernden Lichtschein vor sich eine der Statuen erblickt. Er wendet, steht auf, und rennt auf die Küche zu. Nochmals entflammt er sein Feuerzeug, vor dem Fenster. Dabei blickt er hinter sich. Irrtümlich entzündet er mit der Flamme den Vorhang. Die Flamme greift über. In deren Licht gelingt Thomas die Flucht durch die Verandatür. Er rauscht einfach durch die Türläden, sodass Holzspäne durch die Luft spritzten. Hinter ihm nehmen die Flammen an Stärke zu. Laute Schreie hallen aus den Mauern. Thomas sieht, wie die Statuen darin um ihr Leben kämpfen. Er dreht sich um und flieht weiter, obwohl es ihn interessieren würde, ob die Flammen den Tot dieser Monster herbeiführen wird oder nicht.
(c) by Michael Preissl
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Spiegelverkehrt
Carsten Steenbergen

Thomas liebte diesen Traum. Es konnte nur ein Traum sein, obwohl alles so real schien. Es war sicher schon das zweite oder dritte Mal in dieser Nacht, dass er die gleichen wundervollen Bilder in seinem Kopf sah. Nein, nicht nur sah. Er konnte es fühlen, riechen, sogar schmecken. Ein Gefühl von Heimat.
Es war ihm nicht ganz klar, wo er sich genau befand. Vielleicht waren es die wilden, grünen Highlands oder die unglaublichen Berge Neuseelands. Womöglich auch einfach nur eine Gegend, die seiner Fantasie entsprungen war und doch den beiden echten Orten bis auf den letzten Grashalm so sehr ähnelte. Er überquerte eine blumenüberfüllte Wiese, die sich mitten über ein Plateau erstreckte, soweit das Auge reichte. Ein klarer, kühler Gebirgsbach bahnte sich zügig seinen Weg durch die Landschaft und Thomas genehmigte sich einen tiefen Schluck des erfrischenden Nass. Bienen summten geschäftig und Vögel sangen klangvoll ihre Lieder. In der Ferne lagen weitere Hügel und Bergzüge, die zum Wandern einluden und noch weitere beeindruckende Aussichten versprachen.
Das war endlich mal ein Traum nach seinem Geschmack. Frieden und Ruhe. Keine Angriffe, keine Monster, keine angsteinflössenden Fratzen. In den letzten Wochen waren die Nächte immer mehr zu einem Gruselkabinett, einem wahren Horrortrip verkommen, seit er dem Dämon der Phantastik die Stirn geboten hatte.
Die erste Nacht ohne Angst und Schrecken. Zumindest zeigten sich bisher keine Anzeichen für eine unangenehmere Wendung. Ob er es geschafft hatte? War das der Anfang von vielen erholsamen und entspannenden Bettruhen? Hatte er tatsächlich den Dämon bezwungen? Thomas hätte nicht geglaubt, dass der Dämon so schnell aufgeben würde.
Von irgendwo erklang eine Melodie wie von einem Zirkusorchester. Ob ein Jahrmarkt in der Nähe war? Oder sogar ein Zirkus? Er drehte sich um und sah gebannt in die Richtung, aus der die Musik zu ihm herüber drang. Bunte Farben blitzten plötzlich zwischen den Hügeln auf, orange, grün, auch ein wenig gelb. Fast glaubte er, Zelte und Fahnen erkennen zu können. Das musste er sich genauer anschauen und während er dem Ursprung der Farbenpracht immer näher kam, schwoll die Musik zu einem wunderschönen Konzert an.
Mit einem Mal erinnerte er sich. Das hatte er in den letzten beiden Träumen auch schon bemerkt, jedoch viel weiter weg. Neugierig war er auch da schon gewesen, jedoch hatte ihn immer irgendetwas anderes abgelenkt und den Traum unterbrochen, bevor er es hätte näher untersuchen konnte. Diesmal würde das nicht passieren. Niemand konnte ihn jetzt von einem genaueren Blick abhalten. Thomas spürte die Aufregung, die durch seine Adern pulsierte. Ein Jahrmarkt, ein echter Jahrmarkt. Er liebte alles, was damit zu tun hatte. Die Zuckerwatte, die Schaubuden, vielleicht ein paar Clowns, welche die Leute unterhielten, den Trubel. Einfach alles.
Kaum hatte er den äußersten Rand der kleine Zeltstadt erreicht, tauchte er ein in das Gewühl fröhlicher und ausgelassener Menschen. Eine Weile ließ er sich einfach treiben, im Strudel der Glückseligkeit mitreißen, nichts denkend, nur genießend. Es war ein herrliches Gefühl, wie damals, als er als Kind zum ersten Mal mit seinen Eltern auf einen Rummel gegangen war. Er hatte sich schon da nicht satt sehen können. Genau wie jetzt. Es war einfach das Größte für ihn.
Irgendwann hatte ihn die Menge wieder ausgespuckt. Im Taumel seiner Freude war ihm das nicht sofort aufgefallen, doch plötzlich war es ruhig geworden und er stand vor einem Spiegelkabinett. Große Plakate warben mit reißerischen Sprüchen für das verspiegelte Labyrinth im Inneren:
Treten Sie ein und lassen Sie sich verwirren!
Das größte Spiegelkabinett der Welt!
Sehen Sie sich selbst in den bizarrsten Erscheinungen und amüsieren Sie sich königlich!
Der Hammer!
Der Knaller!
Die Sensation!
Das dürfen Sie nicht verpassen!
Thomas ließ sich das nicht zweimal sagen. Hinein in das Vergnügen. Dass das Kassenhäuschen nicht besetzt war, irritierte ihn dabei keineswegs. Das war schließlich nicht sein Problem und vor allem, das war sein Traum. Hier konnte er tun und lassen, was er wollte. Wer sollte ihm das streitig machen?
So ganz mit sich selbst beschäftigt, merkte er nicht einmal, dass die Besucher des Parks verschwunden waren. Dunkle, bedrohliche Wolken waren am Himmel aufgezogen, hielten ihn besetzt und die Sonne hinter einem schwarzen Vorhang gefangen. Die tolle, entspannte Atmosphäre war schlagartig umgekippt.
Den grell
blinkenden Pfeilen folgend, betrat er das Innere des Gebäudes. Sofort wurde es
kühl. Draußen war es warm gewesen und die Sonnenstrahlen des sommerlichen Tages
hatten ihn alles andere als frieren lassen. Hier drin fröstelte ihm. Er tastete
sich den Flur entlang, immer eine Hand an den Spiegeln, die ihn in allen
möglichen und seltsamen Haltungen und Verrenkungen darstellten. Die ersten Male
kicherte er noch wie ein kleiner Junge, machte Faxen, zog Grimassen und
kringelte sich vor Vergnügen. Nach und nach verging seine ausgelassene Stimmung,
sein Lächeln verschwand und eine unheimliche Stille machte sich bemerkbar. Sie
umgab in wie eine Glocke. Kein Laut war zu vernehmen, nichts mehr von dem
Gejohle und Geschrei, das draußen auf dem Jahrmarkt geherrscht hatte. Auch
innerhalb des Spiegelkabinetts kein einziger Ton.
Fast wie in
einem Grab, so kalt und still.
Bisher war ihm auch kein anderer Besucher dieser angepriesenen Attraktion begegnet. Scheinbar allein irrte er durch die Gänge. Einsam. Das helle Licht, welches den äußeren Bereich erhellt hatte, wich einer zunehmenden Dämmerung, wurde sogar stockfinster, bis irgendwann nichts mehr außer den Spiegeln und seinen über hundert verzerrten Ebenbildern übrig geblieben war. Thomas hatte plötzlich keine Lust mehr, sich in diesem Irrgarten aufzuhalten. Das einzige, was er noch wollte, war, diesen seltsamen Ort so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Entschlossen wandte er sich um, wollte den Weg zurück zum Eingang gehen. Eine Spiegelwand versperrte seinen Gang. Hier ging es nicht weiter. Irgendwo musste er wohl falsch abgebogen sein, obwohl er sich gar nicht daran erinnern konnte. Das hier war eindeutig eine Sackgasse. Vorsichtig tastete er sich nach rechts. Vielleicht zwei, drei Meter folgte er den Reflektionen seiner selbst, bis er erneut in einem toten Ende landete. Irgendwo musste es doch zurück gehen. Schließlich war er doch auch hier herein gekommen. Ein leichter Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn, als Panik in ihm aufstieg. Das war nicht mehr lustig, nein, ganz und gar nicht. Er wünschte sich zurück auf die grüne Wiese, aber es ging nicht. Hektisch lief er umher, prallte gegen Glaswände, gegen große, übermächtige Abbilder seiner selbst, die ihn ansprangen, nach ihm fasten, ihn packen wollten. Er verfiel nun vollends der Panik, hatte seinen Kopf und die Richtung komplett verloren.
Ein angsterfüllter Schrei entrang sich seiner Brust, als sich ihm eine weitere Fratze in den Weg stellte. Reflexartig hob er die Fäuste und drosch hart auf sein Gegenüber ein.
Mit einem Knall zerbarst die Scheibe und sein Gegner, der nur er selbst gewesen war, zerfiel in einem Splitterregen. Thomas atmete auf. Doch kaum hatten die ersten Glasstückchen den Boden berührt, entfachte sich eine wahre Kettenreaktion. Nach und nach implodierten die anderen Spiegel, schleuderten ihre scharfen Bestandteile auf ihn, versuchten ihn zu verletzen. Thomas hechtete vor, die Arme schützend vor das Gesicht gelegt und rannte um sein Leben. Einfach nur voran. Wie ein Wunder verletzte ihn keins der Geschosse. Nicht einmal einen Kratzer hatte er abbekommen. Nicht den kleinsten Schnitt.
Mit dem letzten zerstörten Spiegel hatte die Dunkelheit vollends die Oberhand gewonnen. Nichts war mehr zu erkennen, nichts zu hören, außer dem Knirschen der Scherben unter seinen Schuhen. Kein Weg, kein Gang. Gar nichts.
Vor lauter Verzweiflung blieb Thomas stehen. Wohin hätte er sich auch wenden sollen? Er konnte rein gar nichts sehen. Mit beiden Armen zur Seite gestreckt bewegte er sich vorsichtig und testweise erst einige Meter nach links, dann wieder zurück. Nach vorne und hinten das gleiche Ergebnis. Keine Wände. In dieser Schwärze war einfach nichts vorhanden. Aber wie konnte das sein? Er war doch in dieses Gebäude gegangen, das eindeutig auch Außenwände haben musste. Sehr groß war es nicht gewesen und dennoch...
Für einen Moment presste er sich die Fäuste gegen die Augen. Aufwachen! Du musst aufwachen! Ein entferntes Lachen drang an sein Ohr und er öffnete langsam die Augen. Ein sanftes Leuchten, irgendwo über ihm, erhellte den ersten Meter vor seinen Füßen. Nach und nach gab es mehr von der Umgebung frei, wenn es auch immer noch keine Wände wiedergab. Schließlich schälte sich direkt vor ihm ein etwa zwei Meter hohes Monstrum von Spiegel heraus, der Rahmen verziert mit dunklen, sich windenden und gierig drein schauenden Dämonenfratzen, die ihn verhöhnten, ihn auslachten, ihn verspotteten. Die gläserne Oberfläche blieb schwarz und undurchsichtig, als er sich verhalten und misstrauisch dem Spiegel näherte. Doch langsam lichtete sich auch diese Dunkelheit und eine Gestalt zeigte sich. Ängstlich trat er schnell einen Schritt zurück, doch dann atmete er erleichtert aus. Es war nur sein Spiegelbild, nicht verzerrt oder verrenkt, sondern ganz er selbst, so wie er sich kannte.
Nur, ein Ausgang war das auch nicht. Unschlüssig rieb er sich mit der Rechten seinen Nacken. Wie sollte es nun weitergehen?
Eine Bewegung, einer schnellen Welle gleich, erregte seine Aufmerksamkeit, irgendwo im Hintergrund seines Ebenbildes. Neugierig trat er näher an den Spiegel heran, konnte jedoch nichts entdecken. Zunächst schien sich nichts zu tun, alles blieb unverändert, als sich plötzlich das Gesicht im Spiegel zu einem bösartigen Grinsen verzog. Ein rotes Funkeln glimmte in den Augen, fixierten Thomas. Dann schossen zwei Arme mit geöffneten Pranken aus dem Glas und packten Thomas an der Gurgel. Ein atemloses Japsen entrang sich seiner Kehle. Er stemmte sich gegen den Druck der Arme, kämpfte sich wild einen Schritt vom Spiegel weg, noch einen und zog sein eigenes Spiegelbild mit auf die andere Seite. Vom starren Gefängnis des Glases befreit, drang sein eigenes Ich mit unverhohlener Heftigkeit auf ihn ein. Seine kalten Hände würgten ihn, versuchten ihm den Garaus zu machen. Verzweifelt schlug Thomas auf das eigene Gesicht, das ihn gehässig angrinste, ein. Seine Schläge verpufften wirkungslos am Schädel des Anderen. Die Luft wurde ihm langsam knapp. Ein heiseres Röcheln erklang, füllte den ganzen Raum. Mit Schrecken erkannte Thomas, dass er es gewesen war, der diesen Laut ausgestoßen hatte. Was konnte er nur tun? Er wollte so nicht zu Grunde gehen.
Der Spiegel.
Vorhin war auch alles um ihn herum zerbrochen, vielleicht klappte es auch diesmal. Mit größter Anstrengung drehte er seinen Gegner, bis er selbst mit dem Rücken zum unheimlichen Spiegel stand. Noch ein Schritt, dann war er nahe genug. Schon wurde ihm schwarz vor den Augen. Er spürte, wie er kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren. Nicht aufgeben! Mit einem heftigen Tritt stampfte er gegen das Glas, noch einmal und noch einmal. Beim dritten Mal knackte es überdeutlich und ein Riss zeigte sich in der Oberfläche. Sein Ebenbild krümmte sich plötzlich vor Schmerzen. Dann zerplatzte es, ebenso wie der Spiegel. Ein dumpfer Schlag traf seinen Hinterkopf, warf ihn nach vorne, als der schwere Rahmen des Spiegels auf ihn fiel und um Thomas herum wurde es dunkel.
Mit Kopfschmerzen erwachte er in der Bibliothek. Er lag vor den Bücherregalen, die seine Sammlung beherbergte. Er hatte den Dämon doch nicht besiegt. Dieser hatte ihn nur kurz verschnaufen lassen, um ihm dann mit ganzer Härte zu zeigen, dass der Kampf noch nicht vorbei war. Noch lange nicht.
(c) by Carsten Steenbergen
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Wald der Spinnen
Vera Klee

Thomas blinzelte vorsichtig in den Himmel. Irgendetwas stimmte hier nicht. Es roch anders, es hörte sich gefährlich anders an, und die Luft schmeckte nach Gefahr. Er wollte sich aufrichten, doch etwas hinderte ihn daran. Nun öffnete er seine Augen vollständig und drehte seinen Nacken soweit nach rechts, bis er auf seine Arme schauen konnte. Weiße, klebrige Fäden umgaben seinen Körper, er war wie eine Mumie eingewickelt. Von den Zehen bis zu seinem Hals umgaben ihn helle, klebrige, feuchte Fäden, die so stark waren, dass sie ihn zum Stillhalten zwingen konnten. Lediglich seinen Kopf konnte Thomas ein kleines Stückchen anheben. Er versuchte seine Umgebung zu erkennen. Er schien in einem riesigen Spinnennetz gefangen zu sein, denn um ihn herum waren diese hellen Fäden in einer Art Muster von Baum zu Baum gesponnen. Dieses Muster erinnerte ihn an etwas, er wusste nur nicht an was. Durch die Bäume um ihn herum war sein Aufenthaltsort sehr dunkel, man konnte nur einen winzigen Strahl Sonnenlicht am Gipfel der Baumkronen erkennen. Panik machte sich in seinem Körper breit. Er versuchte sich aus den Klebefäden zu befreien, sie auseinander zu reißen, doch sie machten keinen Millimeter Platz. Er zwang sich, leiser und ruhiger zu atmen, nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte, und begann seine Umgebung zu erforschen, um irgendjemanden oder irgendetwas zu entdecken. Doch er vernahm nur das Rascheln der Blätter im Wind und ein seltsames Pfeifen. Wer wohl hier dieses Pfeifen von sich gab? Erst wollte Thomas schreien, doch seine innerliche Stimme warnte ihn davor. Lieber erst einmal abwarten. Plötzlich vibrierte das Netz, in dem er gefangen war. Erst kurz und leicht, dann wurden die Vibrationen länger und stärker. Gleichzeitig schien sich jemand oder war es etwas, zu nähern. Die Blätter der angrenzenden Büsche klafften auseinander und ein behaartes, riesiges Bein formte sich einen Weg hinaus aus dem Dschungel. Erst ein Bein, dann langsam und unheilvoll das zweite, dann noch eins und noch eins, bis er das gesamte Etwas mit insgesamt zehn Beinen erkannte. Eine mutierte Spinne. Riesig, größer als alles, was er je gesehen hatte. Ein Elefant hätte unter ihr durchspazieren können. Ihr Körper sah aus wie ein Raumschiff, dass sogar behaart wie ihre fünf Beinpaare. Thomas kniff seine Augen kurz zu, um sie wieder zu öffnen und es als Traum durchgehen zu lassen. Doch ausgeträumt. Es war Wirklichkeit. Er war ihr Vorrat. Eingewickelt und zur Untätigkeit verdammt. Wo war er hier gelandet? Wie kam er hierhin? Hinter allem konnte nur der Dämon der Phantastik stecken. Die riesigen Augen der mutierten Spinne musterten ihn und langsam kam sie näher. Schritt für Schritt. Sie hat Hunger, oh mein Gott, gleich wird sie mich verspeisen und ich kann mich nicht wehren. Ich bin verdammt zum Stillhalten. Auch wenn ich sie wahrscheinlich nicht mit meinen bloßen Händen töten könnte, so würde ich wenigstens fliehen können, wenn ich frei wäre. Seine Gedanken wirbelten, doch brachten keinerlei Ergebnisse. Die Spinne kam näher. Langsam, unaufhaltsam, doch sie kam näher. Näher zu ihrem Netz, näher zu ihm. Sie spreizte eines ihrer langen Beine weit von sich, um es kurz darauf auf ihr Netz zu setzen und zog sich mit einer ungeheuerlichen Kraft zu ihm hoch. Sie stellte alle ihre Beine seitlich neben ihm auf und senkte ihren Kopf, der immerhin größer als ein Lastkraftwagen war, zu ihm hinunter. Langsam, so als würde sie ihn erst durchchecken wollen, näherten sich ihre Augen Thomas. Dieser hielt seinen Atem an und Angst, richtige Todesangst durchflutete seinen Körper.
„Du hast nur eine Chance, mir zu entkommen.“ Nun riss Thomas seine Augen noch weiter auf, er hatte nicht damit gerechnet, dass sie zu ihm sprechen konnte.
„Chance, welche Chance?“ fragte er röchelnd
„Du besiegst meinen Gegner. Ist er aus meinem Reich verschwunden, so bist du frei.“
„Dann mach mich los, ich bin bereit. Bereit zum Kampf!“ schrie Thomas ihr entgegen, froh aus dieser Falle entkommen zu können.
„Schaffst du es nicht, fresse ich dich mit Haut und Haaren auf und kaue dich in ganz winzige Stückchen. Also gib dir Mühe.“ Drohend hob sie eines ihrer Beine in die Luft um es mit rasender Geschwindigkeit neben Thomas in den Boden zu rammen. Dann biss sie die Fäden ab, die ihn gefesselt hielten und fraß sie genüsslich auf. Thomas stöhnte. Auf was hatte er sich da wohl eingelassen. Sie hörten ein Pfeifen, das sich langsam, aber stetig, näherte.
„Er kommt. Hier, das ist für dich.“ Die Spinne gab ihm einen langen Speer. Doch statt der Spitze besaß dieses Ding nur ein abgerundetes Ende.
„Was soll ich damit?“
„Du wirst es schon noch brauchen können ...!“ zischelte sie geheimnisvoll und verschwand rückwärts zurück in ihren Dschungel.
Kurz darauf hörte Thomas ein Rascheln an der anderen Seite des Netzes. Er blickte in die Richtung der drohenden Geräusche und zitterte. Die Äste teilten sich und eine zweite Spinne krabbelte drohend auf ihn zu. Sie überrannte ihn einfach und er versuchte noch schnell, sich durch ihre zehn Beine zu rollen, was ihm ohne Schaden zu nehmen, gelang. Wütend drehte sich die Spinne herum und ihr Körper verwandelte sich. Sie verwandelte sich in den Dämon der Phantastik! Dieser stand nun drohend über Thomas, getragen von den zehn riesigen, behaarten Beinen.
„Thomas, du kannst mir nicht entkommen“, er schrie zu ihm hinunter.
„Du schon wieder. Lass mich in Ruhe!“ Thomas musste seinen Kopf ziemlich weit in den Nacken schieben, um zu ihm hoch zu sehen.
„Hahahahaha!“ schallte es hämisch durch den Dschungel.
„Niemals! Ich begleite dich dein ganzes Leben.“ Aus Wut über seine Unterlegenheit wuchs Thomas aus sich heraus und sprang unter den Leib des Dämons. Er zielte mit dem Speer auf eines der Beine und warf ihn mit voller Wucht hinein. Doch dieser prallte wie von einer Metallwand ab und fiel auf den Boden. Thomas rannte hin und sah, dass aus dem Ende der langen Stange ein heller, klebriger Faden herauslugte. Ein Spinnfaden! Das war das Geheimnis und könnte gleichzeitig seine Rettung bedeuten. Thomas nahm den Speer wieder in seine Hand und lief eine Runde um den auf Spinnenbeinen stehenden Dämon. Dabei wickelte sich der Klebefaden um alle Glieder. Danach rannte Thomas einige Meter von dem Dämon weg und provozierte ihn:“ Komm doch, hol mich! Ich werde mich von dir nicht einwickeln lassen. Du wirst meine Seele niemals bestimmen!“
Wütend wollte der Dämon losrennen, als er verblüfft in die Tiefe sah. Er musste sich ziemlich verrenken, um die dünnen, aber äußerst reißfesten Fäden entdecken zu können, die ihn in dem Moment zu Fall brachten. Ein ohrenbetäubender Lärm hallte durch den Dschungel, als er auf den Boden knallte. Der Dämon wollte er sich noch retten, indem er wegrollte, doch es war schon zu spät. Thomas hatte die Klebefäden benutzt, um ein Netz zu weben, dass er in diesem Moment über den Dämon war. Nun war er gefangen. Der Dämon der Phantastik schrie seine Niederlage hinaus und bevor Thomas noch etwas unternehmen konnte, um ihn zu vernichten, verwandelte sich der Dämon in eine lodernde Flamme und brannte die Fäden somit nieder. Er löste sich in Nichts auf und war spurlos verschwunden. Der Waldboden war leer.
(c) by Vera Klee
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Der See im Wald
Markus Kürzinger
Gedankenverloren strich sich Thomas durch sein dunkles, braunes Haar. Er saß in seinem Lieblingssessel. Jedenfalls war er dass bisher gewesen. Denn seit einigen Wochen fürchtet er sich davor … die Nächte, wenn die Dunkelheit Einzug erhält oder die Müdigkeit über ihn kommt. Dann nämlich, wenn sein ich auf Reisen geht.
Trotzdem saß er diesmal wieder gebettet in dunkles Grün. Er liebte diesen Sessel, der so weich war und dessen Lehne so anschmiegsam. Hier konnte er wirklich grübeln, nachdenken und seine Phantasie laufen lassen. Seine Phantasie. Ja, dass war das Stichwort. Seit dem er weniger las war sie enorm angestiegen. Als hätte er durch sein beständiges Lesen einen Fluss an Wissen, Begebenheiten, Ideen und … Phantasie aufgenommen, die nun, da er kein Buch mehr zu Händen hatte über ihn hereinbrach und drohte ihn mit sich zu reißen. Fort von hier in ein neues Land. In ein neues Land … dass hatte er auch schon gelesen. Doch Thomas schreckte zurück, er wollte sich darin nicht verlieren und sich gehen lassen … denn etwas in ihm schrie, flüsterte und drohte ihm „Wage es nicht! Traue dem Schein nicht! Bleib bei Verstand mein Freund.“ Ihn wunderte, dass sein Geist ein zweites ich geschaffen zu haben schien. Und fragte sich immer mehr wozu und weshalb.
Tom spürte wie nah die Antwort war. Zum greifen nah! Er musste nur … die Augen schließen und … seine Phantasie spielen lassen. Ein leichtes Zucken seiner Lider. Ein tiefes Atemholen. Ein Heben der Schultern. Er ließ sich nach hinten fallen … traf auf weichen Widerstand. Und schloss die Augen. „Tom was tust du da? Bitte … bleib bei Verstand.“ Da musst du schon härtere Geschütze auffahren, damit ich dass hier und jetzt tue.“ Eine Ahnung entstand in ihm, ein Wühlen in seinem Geist. „Jessica!“ durchfuhr es ihn. „Ja!“ sagte die Stimme. Nur dies eine Wort. Sollte er ihr vertrauen? Seinem anderen ich? Tom wusste, die Gefahr für eine Reise ohne Wiederkehr bestand. Denn etwas war da … lauerte und wartete nur darauf, dass er sich hinüber gleiten ließ. In vielen Nächten zuvor hatte es nach ihm gegriffen. Und Tom hatte sich gewehrt, den letzten Schritt nicht gewagt. Denn, der zu einer Entscheidung führte. Zu Sieg oder Niederlage. Aber über wenn? Über seinen Geist? Seine Ängste? „Ich bin auf der dem richtigen Weg, doch die Spur ist noch endlos entfernt.“ wusste er. Und die Antwort würde er nur in den Träumen finden. Träume, die sich anfühlten wie die Realität. Träume, dessen Wunden und Erschöpfung er mit in das diesseits nahm. Träume die … unheimlich waren! Aber eben doch nur Träume, oder?
Ein See und ein Wald. Nichts Besonderes. Nichts Außergewöhnliches. Aber etwas von Bedeutung – für ihn! Er erinnerte sich. Kalter Wind kam auf. Fuhr durch das wiegende Blätterdach und durch sein Haar. Die Muskeln seines Körpers spannten sich an und … er lauschte die. Die Erinnerungen. Eine Flut von Nadelspitzen durchdrang ihn. Wallte vom Nacken zum kleinen Zeh. Ein Ziehen und Pochen hinterlassend als hätte er schon jetzt all seine Energie in einen Kampf gesteckt. Waren dass die Regeln? Seine Position im Traum, von der es galt sich zum Sieger durchzuschlagen? „Zum Sieger über was oder wenn?“ fragte er sich wiederholt. Auch jetzt und hier. Es ließ ihn einfach nicht hoch. Nur die Erinnerungen befreiten ihn davon. Aber ob er wirklich froh darüber sein sollte.
Vor dreizehn Jahren, war er schon einmal hier gewesen. Und nicht allein. Ein Mädchen war bei ihm gewesen, ein ungestümes, keckes Ding. Sie spielte mit ihm. Und sogar er, der sportliche und eigentlich ausgeglichene Mensch wurde bei ihr rasend. Wie sie um ihn tänzelte. Ihn piekste und Sprüche an den Kopf warf. Und er wollte doch nur eines: Lesen! Und sie? Ließ ihr braun wallendes, langes Haar auf seinen Kopf schlagen. Spielten mit ihren Fingern Klavier auf seinem Rücken. Er konnte den Blick ihrer mandelbraunen Augen spüren. Sehen, wie er durch ihn hindurch ging. Wie sie Lächelte, sie der Ehrgeiz packte und das Mädchen dachte „Warte nur mein Lieber! Wir spielen hier ein Spiel, dass nur ich gewinnen kann.“ Er schüttelte den Kopf. „Tom du Lesewurm, wie kann jemand wie du nur Sportler sein? Du kommst ja nicht mal mir hinterher! Schwerfällig wie ein Sack Kartoffeln. Und langsamer als ein Faultier.“ Er seufzte. „Tom, faulst du schon?“ Sie rümpfte ihre Nase, beugte sich vor, sah unter sein Achseln. „Ihhh“ rief sie lang gezogen. Und dabei zupfte sie ihm ein Haar aus der Armbeuge. „Da riecht`s nicht nur, da hängen sogar schon dunkelbraune Fäden! Bääh! Bandwürmer hast du auch schon, Tom.“ Er zog die Arme näher an seinen Körper. Spürte etwas Feuchtes. Fragte sich unwillkürlich ob dieses Mädchen nicht vielleicht doch Recht hatte. Wut bemächtigte sich seiner. Wieder einmal hatte sie es geschafft! Da war er an einer spannenden Stelle und sie … sie riss ihn einfach raus! Hörte nicht auf bis … bis er ihr nachsetze. Und dann? Für eine viertel Stunde gab sie Ruhe. Dann war es wieder vorbei damit. Er konnte ihre Stimme sogar jetzt hören wo sie schwieg um eine Antwort von ihm zu bekommen. Seine Muskeln spannten sich. Die Beine beugten sich leicht. Die Seiten des Buches flatterten unkontrolliert. Ihm nächsten Augenblick stieg er wie ein Wal aus dem Meer empor, landete auf den Beinen, vollführte im selbem Moment eine halbe Drehung und … starrte in funkelnde braune Augen. Er sah ihre Hand auf ihn zuschnellen, duckte sich und schoss seinerseits vor. Packte sie, warf sie sich über wie einen Sack. Und meinte Lächeln. „Und wer ist hier nun der Sack?“ Das Mädchen antwortete nicht gleich. „Tom dass war nicht fair!“ fuhr sie dann auf, während ihre Händen auf seinen Rücken trommelten. „Du bist viel größer als ich! Zwei Köpfe, Tom! Dass ist nicht fair!“ „Nicht fair! Und was du bei mir machst, dass ist es, ja?“ „Ja!“ antwortete sie ihm und biss ihm im nächsten Augenblick in die Schulter. „Du Bist!“ entfuhr es ihm. „Aber Tom, ich will doch nur, dass du auch mal von den Büchern loskommst! Hier ist das Leben! Hier!“ Wieder biss sie ihn. Er wusste, dass sie nicht richtig nach ihm schnappte, ihn mehr reizen wollte und necken. Wie sie es immer tat. Für sie war dass eben alles nur ein Spiel und für ihn? Was war es da? Eine Geschichte vielleicht … ja, dass konnte es sein, eine Geschichte … nur ohne Phantastik!
Ein Schrei. Ein ziemlich echter. Realer. Er riss ihn aus den Gedanken. Aus der Erinnerung. Weg von dem Mädchen. Und doch etwas blieb: Der See. Und der umgebende Wald. Und der Schrei er … er kam vom See! „Wie damals!“ durchfuhr es ihn und eine Gänsehaut breitete sich zunehmen aus. Er dachte an seine innere Stimme: Was tust du da? Er wusste es nicht. Noch nicht. Und doch tief in ihm … da ahnte er es. Sich stellen dass tat er. Jedenfalls wollte er dass. Doch der Schrei … er kannte ihn. Zu gut! Und da wollte er nur noch erwachen. Denn, wenn er Blessuren mitnehmen konnte dann vielleicht auch mehr …. Und er konnte nicht nur mitnehmen sondern auch verändern. Die Gegenwart verändern. „Jessica!“ entfuhr es ihm, lauter als gewollt. Was war nur los mit ihm? Ein Traum! Es ist doch nur ein Traum. „Traum ist Realität. Und Realität ist Traum.“ flüsterte es in ihm. Und etwas daran war anders … nicht wie seine innere Stimme, sein zweites, gespaltenes, anderes ich. Nein … es war so … fremd! Ja fremd und neu! Und doch kannte er es … aus den Nächten davor! Nur war es da nicht in ihm, sondern außerhalb gewesen. War von überall her zugleich gekommen, nur noch aus ihm selbst heraus. „Ich weiß was du weißt.“ Flüsterte das Fremde in ihm weiter. „Ja Tom, lauf! Lauf doch … und du kommst doch zu spät.“ Ein raues Lachen. Er schüttelte den Kopf. Schluckte schwer und … spurtete los. All die Kraft die er hatte ausspielend. Er war sportlich und trainiert … aber eben kein Superman. Aber in ihm steckte ein Wille. Und wo ein Wille war, war auch ein Weg. „Ja Tom … in deiner Welt vielleicht! Aber dies ist meine! Und sie wird auch deine werden.“ Eine kurze Pause, dann: „Komm Tom, spiel mit mir!“ Und er ahnte, es war nicht nur ein Spiel, es war ein Kampf! Ein Kampf um Leben und Tod. Um sein ich, seinen Geist, letztes seine Freiheit!
Die Füße trugen ihn durch hohes Gras, über raue, sich in seine nackten Sohlen bohrende Kieselsteine, Äste und Glas! Er schrie laut auf. Stöhnte. Plötzlich geriet sein Gang außer Kontrolle. Seine Schritte waren unkoordiniert. Ein tiefer Schmerz durchfuhr ihn. Im nächsten Augenblick spürte er, wie etwas warmes sich unter seinen Füßen ausbreitete. Wie er einen Teil von sich verlor. Einen wichtigen und ureigenen. „Ja Tom, dein Blut ist mein Blut. Heute noch werden wir Blutsbrüder Tom!“ Farben und Umgebung begannen vor seinem Auge zu tanzen. Erst der wiederholte Schrei riss ihn zurück. Die Stimme, erstickend und röchelnd rufend nach … ihm! Wie damals!
„Tom, ich bin du! Bin deine Phantasie! Wesen und Welt. Entstanden durch dich. Genährt durch die Seiten, die du durchstreifen hast wie ein hungriges Raubtier auf der Suche nach … mehr … und mehr!
Mit einem Ruck hielt er inne. Die Fliehkraft drohte ihn nach vorne zu ziehen. Heiße Speere durchfluteten ihn, ließen ihm Tränen in die Augen steigen. Sein Gesicht war zu einer entsetzenden Fratze verzerrt. Er nahm es wahr im Wasser des Sees. An der spiegelnden Oberfläche. „Ein Deal also“ dachte er intensiv. „Ist es dass was du willst?“
Tom wusste er hatte nur diese eine Chance. Und es würde sich hier entscheiden. Nicht jetzt. Aber in den nächsten Minuten. Oder Stunden. Was war hier schon die Zeit … nichts! Und doch … im Wasser, dort war Jessica! Und sie verlor ihre Energie … ihr Leben! Ertrank! „Ein Deal also!“ wiederholte er und versuchte dabei seinen Impuls tief im Herzen zu verbergen. Jener, der nach Freiheit strebte. Grenzenloser Freiheit. Das letzte Gefecht war noch nicht geschlagen … sie hatten gerade einmal Halbzeit. Nur daran Zweifelte er, ob es einen Sieg gab über sich selbst. Einen Sieg über einen Dämon … gegen die Allmacht der Phantastik!
Es würde sich zeigen … schon bald!
(c) by Markus Kürzinger
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Der Dämon
Michael Preissl

Herab von einem Berg stolzierte eine Gestalt, mächtiger Statur und dunkel gekleidet. Auf ihrem Haupt schaukelte ein Zylinderhut hin und her, den sie tief in ihr kreidebleiches Gesicht gezogen hatte, und zwar so tief, dass man gerade noch ihre Glutroten Augen erkennen konnte.
Die Gestalt schlenderte durch ein kleines Dorf, das friedlich am Fuße des Berges ruhte. Auf der Spitze des Berges befand sich ein Tempel, jedes seiner Ecken wurde von Fackeln beleuchtet. Ihr Licht war stark genug, um einige Meter rund um den Tempel zu strahlen, den Heim der Gestalt. Aus den Häusern, die aus einfachem Gestein erbaut wurden, stieg Rauch aus den Kaminen. Durch die offenen Fenster hingen Köpfe die sich quer über die Straßen unterhielten. Die Gestalt setzte ohne auch nur ein einziges Wort zu verlieren ihren Weg bis zu einem Haus am anderen Ende des Dorfes fort. Gegenüber des dunklen, unbewohnten Gemäuers verharrte sie mit verschränkten Armen und visierte dessen Tor an.
***
Die nachfolgenden Nächte spielten sich für Thomas ebenso unruhig wie die vergangen ab. Es war Mitte eines Hitzedrückenden Sommers. Thomas Eltern waren verreist, und der 28 jährige Bursche war während deren Abwesenheit auf sich allein gestellt, er war allein im Kampf gegen den Dämon, stand allein auf dem Schlachtfeld gegen dessen Schreckensherrschaft. Seinen Trieb nach phantastischer Literatur unterdrückte er so gut er konnte, auch wenn es ihm äußerst schwer viel, die danach süchtelnden Gedanken, die in seinen Hirnkasten spukten, zu zügeln. Oftmals saß er in der riesigen Bibliothek und blickte auf sein mächtiges Sammelwerk. Doch solange er seine Sucht nicht in Zaum halten konnte, musste er hart bleiben, durfte nach keinen dieser Blätter greifen um sie zu lesen oder um ihre Bilder anzusehen. Dies war einer der Orte auf dem sich seine Träume abspielten. Hier verfolgten ihn Gestalten aus Büchern. Sie verfolgten ihm im Mondlicht und versuchten ihn in den Wahnsinn oder schlimmeres zu treiben. Der zweite Schauplatz war das Zimmer indem sich sein Bett befand, und an dem sich alles eines Nachts wenden sollte.
In jener Nacht, einer weiteren von unzähligen Alptraumgeschwängerten, riss es Thomas schweißgebadet aus dem Bett. Er starrte, ohne etwas Bestimmtes fixiert zu haben in die Finsternis, die im Raum stand. Die Ausgeburt seiner Phantasie schien ihm wieder einmal einen Streich spielen zu wollen. So glaubte er aus einer Decke, die über einen Sessel hing eine Fratze zu erkennen, die sich ihm mit weit aufgerissenem Maul zähnefletschend näherte. Thomas fühlte sich wie in einen Traum-wach Zustand, zumindest stellte er sich dieses Gefühl als solches vor. Ihm wurde klar, wenn er sich in jenem Moment in der Realität befand, wurde diese soeben in mundgerechte Stücke zerteilt und von dem riesigen Schlund seiner Phantasie verschluckt, denn diese nahm mehr und mehr Gestalt an.
Allmählich schienen die Gegenstände rund um ihn herum ein Eigenleben zu führen, so als würde sie jemand mit Energie voll pumpen. Durch einen kleinen Spalt des Fensters drang ein Windstoß bis zu den Kastentüren vor. Dieser besaß genügend Kraft, um sie aufzureißen. Die darin hängenden Kleidungsstücke plusterten sich auf und sahen wie Umrisse durchtrennter Leiber aus. Sie kamen träge auf ihn zu. Nein, das konnte nicht sein! Er zuckte zusammen, als ihn etwas an seiner nackten Schulter streifte. Ein lauter Entsetzensschrei entwich seiner Kehle. Er sprang aus dem Bett, schlüpfte in seine Jeans die neben daneben lagen, riss die Tür seines Zimmers auf und lief auf den Vorraum hinaus. Nach wenigen Schritten in der undurchschaubaren Dunkelheit, die Thomas eigentlich über kühle Holzbretter laufen sollte, verspürte er, wie sich Sand durch seine Zehen quetschte. Vermutlich trieb der Wind diesen durch die Vorraumfenster und verteilte diesen sorgfältig. Auch die herrschende Dunkelheit war nicht normal. Eigentlich sollten ein paar Strahlen des honiggelben Mondlichtes durch die Vorraumfenster strahlen und die wagen Umrisse des Vorzimmers zum Vorschein bringen.
Ein gespenstisches Geräusch, dass auf ihn zuzukommen schien, trieb ihn weiter und weiter. Er tastete sich hastig voran. Er fühlte kaltes Gestein an den Wänden und die Luft schien außergewöhnlich frisch zu sein. Kehrt machen konnte er in diesen Moment nicht, da er sonst der Quelle des Schreckens direkt in die Arme laufen würde. So flüchtete er weiter voran, einige Schritte, bis er auf ein Holztor stieß? Seine Hand griff intuitiv etwas nach unten, nach einem Riegel. Er schob diesen beiseite, öffnete das Tor und ging hindurch.
Die Gestalt gegenüber des dunklen Gemäuers, erfreute sich über den Anblick, als sich das das Tor soeben langsam aufschob und jemand zum Vorschein kam.
Thomas schob sich aus der Dunkelheit hervor, erspähte eine Gestalt die gegenüber des Tores auf ihn zu warten schien. Sie blickte ihr tief ins Antlitz, sagte allerdings nichts.
Das Gesicht konnte Thomas nichts und niemanden zuordnen. Die weiße Fratze sah alt und mitgenommen aus, trotzdem war es schwer das genaue Alter festzustellen. Er hielt inne, da diese ihm Angst einflößte. Plötzlich stieß die weiße Fratze einen gellenden Schrei hervor. Thomas war gezwungen sich die Ohren zuzuhalten, da ihm sonst das Trommelfell geplatzt wäre. Hinter dem Dämon sah Thomas ein Lichtermeer heranwachsen, das Dorf hinter diesen wurde erstrahlte in seiner vollen Größe. Der Dämon blickte Thomas an, und gab ihm ein. Aus einen für Thomas nicht erklärbaren Grund folgte er ihr ohne zu zögern. Beide drangen tiefer in das Dorf ein. Vor ihnen tummelten sich die Bewohner. Alle sahen aus, wie das Endergebnis generationslanger Inzest. Einige von ihnen besaßen waren affenähnlich am ganzen Körper behaart, andere besaßen nur ein Auge, bei anderen wiederum konnte Thomas nicht feststellen ob sie auf ihn, oder etwas anders blickten, denn ihre Augen schielten in verschiedene Richtungen. Alles hatten sie jedoch gemeinsam. Sie trugen bloß ein Fell um die Lenden. Thomas und der Dämon folgten der Menge bis sie schlussendlich das Zentrum des Dorfes erreichten. Dort verteilte sich die Menge um einen, gute zehn Meter breiten Steinkreis. Thomas und der Dämon betraten das Zentrum des Kreises, indem ein alter buckliger Mann auf sie wartete. Er grinste widerlich und musterte Thomas mit seinem einzig funktionstüchtigen Auge – die Schändlichkeit des anderen wurde durch eine Klappe verdeckt. Nach wenigen Sekunden deutete er auf eine große hölzerne Kiste.
Ächzend bückte sich der Alte und öffnete den Deckel. Zwei mächtige Streitäxte blitzten hervor, dahinter zwei Schilder. Thomas wollte wieder umkehren, davonlaufen, doch der Dämon hielt ihn zurück, seine scharfen Nägel bohrten sich Schmerzhaft in sein Fleisch. Der Gedanke an Flucht erlosch somit blitzartig. Thomas wurde sich soeben einer grauenhaften Tatsache bewusst. Entweder er würde kampflos sterben, oder er würde genügend Mut zusammenbringen, eine dieser Streitäxte an sich nehmen und versuchen diesen Biest damit den Kopf zu spalten. Er zitterte, entschied sich dann aber für die letztere Version. Er griff nach einer dieser Waffen und einem Schild. Der Dämon tat das gleiche. Beide nahmen einen größeren Abstand zueinander und stellten sich gegenüber. Der alte Mann blickte beide an, in seiner linken hielt er ein weißes Tuch das im Wind wie ein Friedenszeichen flatterte aber nicht als solches diente. Die Menge rund um sie begann zu toben, stießen unverständliche Schreie heraus, teilweise prügelten sie auf sich ein, sprangen wie wild herum und sie warfen Steine nach Thomas. Mit einen Auge behielten die zwei Kämpfer das weiße Tuch im Visier, mit dem anderen den Gegner. Der Alte brabbelte unverständliche Sätze vor sich her bis er plötzlich das weiße Tuch vor sich auf den Boden fallen ließ. Kaum hatte die Spitze des Tuches den Boden erreicht, erhob der Dämon seine Axt. Er raste mit einem ohrenbetäubenden Kampfschrei auf Thomas zu. Dieser reagierte zum Glück richtig. Er hob sein Schild an, die Axt prallte mit einem lauten Donner darauf. Thomas wurde durch die Wucht zurückgeworfen. Der Dämon lachte und stürzte sich mit erneutem Gebrüll auf ihn. Er warf sein Schild weg, umklammerte die Streitaxt mit beiden Händen und hob sie an. Der Beifall der Menge legte an Lärm zu. Der Dämon schien dadurch angeregt zu werden und wurde ebenfalls lauter. Thomas der immer noch auf dem Boden lag, sah auf einmal die Schneide der Axt auf sich zukommen, rollte sich gerade noch Rechtzeitig zur Seite und verspürte deren Windhauch. Der Dämon rammte die scharfe Klinge direkt neben Thomas in den Boden. Eine mächtige Staubwolke stieg auf und verdeckte den Dämon. Dieser schrie auf und war versuchte mit äußerster Kraftaufwendung die Axt aus dem Boden zu ziehen. Thomas nützte diese wenigen unaufmerksamen Sekunden des Dämons. Seine Finger umklammerten den Stiel seiner Streitaxt. Nun stieß auch er einen Schrei hervor als er die Axt zum Schlag anhob. Die Klinge blitzte im Lichtermeer kurz auf. Er holte tief Luft, schloss seine Augen, stieß einen weiteren Schrei hervor und hackte damit auf den vor sich gebückten Dämon ein. Immer und immer wieder zog er die Axt aus dessen Körper heraus und hackte erneut auf diesen ein. Sein Körper wurde vollkommen mit Blut des Dämons angespritzt. Das Volk rund um ihn begann aufzuheulen und stampfte vollster Entsetzen auf den Boden auf. Auf einmal herrschte Stille.
Thomas wischte sich Flüssigkeiten aus seinem Gesicht, und blickte anschließend auf die Reste der Gestalt die vor ihm auf dem Boden lagen. Plötzlich begann alles zu beben. Durch die Überreste des Dämons schossen blaue Blitze Richtung Himmel. Ein furchtbarer Gestank, der Geruch nach brennendem Fleisch erreichte seine Nase. Er beobachtete wie sich der Körper langsam auflöste und plötzlich schleuderte ihn eine mächtige Druckwelle hunderte Meter rückwärts.
***
Als Thomas schweißgebadet erwachte lag er auf den Holzboden, neben seinem Bett. Sonnenlicht drang durch sein Fenster. Die Lage in seinem Zimmer hatte sich normalisiert. Dies war die letzte Nacht in welcher Thomas einen dermaßen entsetzlichen Alptraum durchleben musste. Einige Zeit verstrich, bevor er wieder damit anfing, sich mit phantastischen Büchern zu beschäftigen.
(c) by Thomas Preissl
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